Das Romanische Café

Berühmtheiten & werdende Autoren

Vis-à-vis der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dort, wo heute das Europa-Center steht, stand es in den 30er Jahren: Das »Romanische Café«. Im bevorzugten Künstler- und Intellektuellentreff verkehrten unter anderem Stefan Zweig, Erich Kästner, Ernst Deutsch, Gottfried Benn, Joachim Ringelnatz, Irmgard Keun und Grete Mosheim, Billy Wilder und Erich Maria Remarque.

Zugleich war es erste Anlaufstelle für werdende Autoren, die erste Kontakte suchten.

  • Das Romanische Café – Deutsche Literaturgesellschaft
  • Berliner Verlag
  • Bücherverbrennung, Verfolgung, verbrannte Autoren, verbrannte Bücher

Viele der Schriftsteller, deren Bücher von den Nationalsozialisten verbannt wurden, blieben auch nach dem Krieg aus dem öffentlichen Gedächtnis gestrichen. Manch einem gelang, vor allem durch die Recherchen des Reporters Jürgen Serke zu dem Buch »Die verbrannten Dichter« 1977, ein spätes Comeback, dennoch blieben manche Bücher bis heute verschollen oder unbeachtet. »Das Buch der verbrannten Bücher« von Volker Weidemann hat erst kürzlich, zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung, einen Teil der Werke wieder ins öffentliche Gedächtnis gerufen. Auch die Besucher des »Romanischen Cafés« waren von der Verfolgung betroffen… Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der Bücherverbrennung 1933 verschwand der Treffpunkt der geistigen Hochkultur Deutschlands. Die Schriftsteller wanderten aus, viele kehrten nicht mehr zurück. Im Krieg ging das Romanische Café im Bombenhagel unter.

Die Geschichte des Romanischen Cafés

Berühmtheit erlangte das Romanische Café nach dem Ersten Weltkrieg als Nachfolger des legendären »Café des Westens«. Im Romanischen Café verkehrten alle, die in der kulturellen Szene schon einen Namen hatten. Und es gab, wie Erich Kästner schrieb, den »Wartesaal der Talente«, wo man jene verkannten Genies treffen könnte, die ihrer Meinung nach schon längst hätten entdeckt werden müssen, wäre die Welt nicht mit Blindheit geschlagen. Im Romanischen Café hofften sie, entdeckt zu werden, einen Auftrag zu ergattern, zumindest aber auf einen, der ihnen den Kaffee zahlte.

  • Geschichte des Romanischen Cafés
  • Die Deutsche Literaturgesellschaft erinnert an die Bücherverbrennung
  • Buchverlag der Deutschen Literaturgesellschaft

Das »Romanische Café« gegenüber der Gedächtniskirche war weder einladend noch gemütlich, »der Kaffee war schlecht, der Kuchen war alt, die Eier im Glase teuer«, so ein Zeitgenosse, aber hier traf sich alles, was in der kulturellen Szene einen Namen hatte oder haben wollte. »Romanisch« hieß das Café, weil Kaiser Wilhelm die Kirche, die seinem Andenken galt, und zwei benachbarte Häuser im romanischen Stil hatte erbauen lassen.

In dem recht geräumigen, auf zwei Säle verteilten gastronomischen Betrieb trafen sich alle — die Dadaisten wie die Expressionisten und Sezessionisten hatten ihre festen Tische; Regisseure, Schauspieler und Bühnenbildner trafen auf Drehbuchautoren und Literaten, Maler auf Kunsthändler. Ausgerechnet in diesem spätwilhelminischen Rahmen, der mit dem Ende des Kaiserreichs 1918 endgültig der Vergangenheit angehörte, fand der Geist der neuen Zeit, der ein Geist der ungehemmten Freiheit und der unbegrenzten Möglichkeiten war, seine Heimstatt. Wer wissen wollte, was das Berlin der berühmten Goldenen Zwanziger ausmachte, der kam ins »Romanische«.

Hier konnte er berühmte Maler an ihrem Stammtisch sehen Max Slevogt, Max Oppenheimer, Emil Orlik, Otto Dix oder gar Max Liebermann. An diesem Tisch waren ebenso Kunstverleger und Galeristen wie Bruno Cassirer oder Alfred Flechtheim anzutreffen. Zum Ruhm des Cafés aber trugen besonders die Literaten bei, die regelmäßig hier verkehrten, u.a. Alfred Döblin, Bertolt Brecht, Arnold Zweig, Erich Kästner, Klabund, nicht zu vergessen die »Zugereisten«, die eine Zeit lang in Berlin lebten: der Wiener Anton Kuh, Prototyp des Kaffeehausliteraten, der aus Prag stammende »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch und der Budapester Franz Molnár, gefeierter Star unter den damaligen Dramatikern, sowie Egon Friedell, Alfred Polgar oder Alexander Roda Roda. Über sie alle sind Anekdoten überliefert, die ganze Bände füllen würden. Gefürchtete Zeitungskritiker hatten im »Romanischen« ebenso ihren Stammplatz wie Schauspieler, Komponisten, Sänger und Kabarettisten: etwa Willi Kollo, Friedrich Hollaender, Ernst Deutsch, Grete Mosheim oder Trude Hesterberg.

  • Autorinnen und Autoren
  • Werdende Autoren und alteingesessene Schriftsteller: Eine gute Mischung in der Deutschen Literaturgesellschaft
  • Buch veröffentlichen

Einen einmaligen Einblick in das Tagesgeschehen im berühmtesten deutschen Künstlercafé der 20er Jahre gibt Erich Kästner. In einem Artikel, der 1928 in der »Neuen Leipziger Zeitung« erschien, beschreibt er das Künstlertreiben…

Ein Tag im Romanischen – von Erich Kästner

»Das Romanische Café ist der Wartesaal der Talente. Es gibt Leute, die hier seit zwanzig Jahren, Tag für Tag, aufs Talent warten. Sie beherrschen, wenn nichts sonst, so doch die Kunst des Wartens in verblüffendem Maße. (...) Es ist ein infernalisches Gewirr von Charakterköpfen und solchen, die es sein wollen. Der erste Eindruck, den man hat: Haare, Mähnen, Locken, die bedeutend ins Gesicht fallen. Der zweite Eindruck: Wie oft wird hier die Leibwäsche gewechselt? Dieser zweite Eindruck ist vielleicht in vielen Fällen unberechtigt. Aber nichts ist ja bezeichnender für das Gesehene, daß man ihn trotzdem hat.(...)

Jeder kennt jeden. Man begrüßt sich jovial oder - eine andere Methode - nur ganz nebenbei, um das Gehirn nicht beim Dichten und Denken zu unterbrechen. Man setzt sich von einem Tisch zum anderen; erstens, um sich Klatsch zu erzählen, und zuweilen zweitens, um dem Kellner, der Bestellungen entgegennimmt, zu erklären, man sitze nur en passant hier. Man borgt sich erfolglos an. Man liest Berge von Zeitungen. Man wartet, daß das Glück hinter den Stuhl tritt und sagt: »Mein Herr, Sie sind engagiert!«

Man wartet. Inzwischen vertreibt man sich die Zeit. Hierzu benötigt man das weibliche Geschlecht. Es ist vorhanden, und zwar in staunenswert hübschen Exemplaren. (…) Sie sitzen neben dem Ideal und vergehen in Andacht. (…) Außerdem verkehren hier auch Künstler, die bereits einen Namen haben. (…) arrivierte Künstler, die es für einen (mit einer Tasse Kaffee nicht zu teuer erkauften Genuß) halten: die Schar der Verunglückten und Aussichtlosen zu betrachten, und sich selber, den Erfolgreichen, betrachten zu lassen.

Wie eine Welle der Bewunderung geht es durch den Raum, wenn ihn ein Glücklicher betritt. Und wen er begrüßt, der fühlt sich geweiht...«

  • Erich Kästner in einem Artikel über das Romanische Café (Deutsche Literaturgesellschaft)
  • Aus: Erich Kästner, Das Rendezvous der Künstler, Neue Leipziger Zeitung vom 26. April 1928



    Autoren des Romanischen Café

    Alexander Roda Roda, Alfred Döblin, Alfred Flechtheim, Alfred Kerr, Alfred Polgar, Anton Kuh, Bertolt Brecht, Billy Wilder, Bruno Cassirer, Christian Schad, Egon Erwin Kisch, Else Lasker-Schüler, Emil Orlik, Erich Kästner, Erich Maria Remarque, Ernst Deutsch, Ernst Holler, Franz Molnar, Franz Werfel, Friedrich Hollaender, George Grosz, Gottfried Benn, Grete Mosheim, Hanns Eisler, Hugo Lederer, Irmgard Keun, Joachim Ringelnatz, Klabund, Mascha Kaléko, Max Liebermann, Max Oppenheimer, Max Slevogt, Otto Dix, Rudolf Steiner, Stefan Zweig, Sylvia von Harden, Trude Hesterberg, Willi Kollo


    • Alexander Roda Roda
    • Alfred Döblin
    • Alfred Flechtheim
    • Alfred Kerr
    • Alfred Polgar
    • Anton Kuh
    • Bertolt Brecht
    • Billy Wilder
    • Bruno Cassirer
    • Christian Schad
    • Egon Erwin Kisch
    • Else Lasker-Schüler
    • Emil Orlik
    • Erich Kästner
    • E.M. Remarque
    • Ernst Deutsch
    • Ernst Toller
    • Franz Molnár
    • Franz Werfel
    • Friedrich Hollaender
    • George Grosz
    • Gottfried Benn
    • Grete Mosheim
    • Hanns Eisler
    • Hugo Lederer
    • Irmgard Keun
    • Joachim Ringelnatz
    • Klabund
    • Mascha Kaléko
    • Max Liebermann
    • Max Oppenheimer
    • Max Slevogt
    • Otto Dix
    • Rudolf Steiner
    • Stefan Zweig
    • Sylvia von Harden
    • Trude Hesterberg
    • Willi Kollo
    • und viele andere mehr…



    »Bibliothek des Romanischen Cafés«

    Bibliothek des Romanischen Cafés

    In unserer neu aufgelegten »Bibliothek des Romanischen Cafés« veröffentlichen wir nicht nur Bücher, die das Café, seinen Alltag und seine Schriftsteller (und was nach dem Krieg aus ihnen wurde) zum Thema haben. Wir veröffentlichen über einen Zeitraum von mehreren Jahren auch besonders wertvolle Werke, die der Bücherverbrennung oder der Verbannung zum Opfer fielen – gegen das Vergessen.

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